Gesund mit Felix (16): Warum Rückenschmerzen nicht automatisch Bandscheibenprobleme sind
Die Gesundheitskolumne von Osteopath Felix Kammerlander (Folge 16)
Kaum ein Begriff löst bei Rückenschmerzen so viel Sorge aus wie „Bandscheibe“. Viele Menschen denken bei Ziehen, Stechen oder Blockade im Rücken sofort an einen Bandscheibenvorfall – und malen sich schlimme Szenarien aus. Dabei zeigt die Erfahrung aus dem Alltag und aus der Praxis etwas ganz anderes: Die allermeisten Rückenschmerzen haben nichts mit einem akuten Bandscheibenproblem zu tun. Das zu verstehen, kann enorm entlastend sein – körperlich wie mental.
Was Bandscheiben eigentlich sind
Bandscheiben sitzen zwischen den einzelnen Wirbeln der Wirbelsäule. Sie wirken wie Stoßdämpfer, verteilen Druck und ermöglichen Beweglichkeit. Mit der Zeit verändern sie sich ganz natürlich: Sie verlieren etwas Wasser, werden flacher und weniger elastisch. Diese Veränderungen sind normaler Teil des Älterwerdens – ähnlich wie graue Haare oder Falten.
Wichtig dabei: Solche Veränderungen sind in bildgebenden Verfahren sehr häufig zu sehen – auch bei Menschen ohne Rückenschmerzen.
Warum MRT-Befunde oft verunsichern
Viele Menschen bekommen bei Rückenschmerzen ein MRT und lesen dort Begriffe wie:
- Bandscheibenprotrusion
- Bandscheibenvorwölbung
- Degeneration
- Höhenminderung
Das klingt dramatisch – ist es aber meist nicht. Studien zeigen, dass ein großer Teil der beschwerdefreien Bevölkerung solche Befunde hat, ohne jemals Rückenschmerzen zu verspüren. Das bedeutet: Ein Befund erklärt nicht automatisch den Schmerz.
Schmerz entsteht nicht allein durch das, was auf dem Bild zu sehen ist, sondern durch das Zusammenspiel von Nervensystem, Muskulatur, Bewegung und Wahrnehmung.
Häufige Ursachen für Rückenschmerzen – jenseits der Bandscheibe
Stress beeinflusst nicht nur die Muskelspannung, sondern auch die Schmerzverarbeitung. Ein dauerhaft aktiviertes Nervensystem wird empfindlicher. Reize, die sonst kaum wahrgenommen würden, werden plötzlich als unangenehm oder schmerzhaft interpretiert. Das bedeutet:
- Bestehende Beschwerden fühlen sich stärker an
- Alte Schwachstellen melden sich wieder
- harmlose Spannungen werden schneller schmerzhaft
Schmerz entsteht also nicht nur durch Gewebe, sondern auch durch die Art, wie das Nervensystem Reize bewertet.
Der Zusammenhang zwischen Kontrolle und Spannung
In der Praxis zeigen sich viele andere Faktoren, die Rückenschmerzen verursachen oder verstärken können:
1. Muskelspannung und Schutzmechanismen
Stress, Überlastung oder Unsicherheit führen dazu, dass das Nervensystem die Rückenmuskulatur stärker anspannt. Diese Schutzspannung kann:
- Bewegung einschränken
- Druckgefühl erzeugen
- stechende oder ziehende Schmerzen verursachen
Der Muskel selbst ist dabei oft gesund – er wird nur dauerhaft zu stark angesteuert.
2. Bewegungsmangel oder einseitige Belastung
Langes Sitzen, wenig Bewegung oder immer gleiche Abläufe führen dazu, dass bestimmte Bereiche überfordert werden, während andere unterfordert bleiben. Das Ergebnis ist kein „kaputter Rücken“, sondern ein unausgeglichenes Spannungsmuster.
3. Gelenke und kleine Bewegungssegmente
Die Wirbelsäule besteht aus vielen kleinen Gelenken. Wenn diese nicht mehr gut durchbewegt werden, kann es zu lokalen Reizzuständen kommen, die sich wie ein „Bandscheibenschmerz“ anfühlen – es aber nicht sind.
4. Alte Schutzmuster
Wie wir in früheren Artikeln besprochen haben, können alte Stürze, Unfälle oder Belastungen dazu führen, dass der Körper bestimmte Bereiche langfristig schützt. Diese Schutzspannung kann Jahre später Beschwerden verursachen, ohne dass eine akute Verletzung vorliegt.
Warum Rückenschmerzen oft unspezifisch sind
In den meisten Fällen spricht man von unspezifischen Rückenschmerzen. Das bedeutet nicht, dass der Schmerz „unbekannt“ oder „eingebildet“ ist, sondern dass keine klare strukturelle Ursache gefunden wird.
Der Schmerz ist real – seine Ursache liegt jedoch in der Funktion, nicht im Schaden. Das Nervensystem spielt dabei eine zentrale Rolle:
- Es steuert Muskelspannung
- Es bewertet Bewegung als sicher oder unsicher
- Es entscheidet, wie stark Reize wahrgenommen werden
Wenn dieses System über längere Zeit unter Stress steht, kann der Rücken schmerzhaft reagieren – ganz ohne Bandscheibenvorfall.
Warum Angst Rückenschmerzen verstärken kann
Der Gedanke „Ich habe etwas mit der Bandscheibe“ führt oft zu Vermeidung: weniger Bewegung, mehr Schonung, mehr Kontrolle. Doch genau das kann den Rücken empfindlicher machen. Das Nervensystem interpretiert die Vorsicht als Hinweis auf Gefahr und erhöht die Schutzspannung – ein Kreislauf entsteht.
Bewegung wird dann nicht mehr als hilfreich, sondern als Risiko wahrgenommen.
Was dem Rücken stattdessen hilft
Statt sich auf die Bandscheibe zu fixieren, ist ein anderer Blick oft hilfreicher:
- Bewegung statt Schonung (angepasst, schmerzarm)
- Abwechslung im Alltag
- Stressreduktion
- sanfte Mobilisation
- Vertrauen in die Belastbarkeit des Körpers
Der Rücken ist kein fragiles Konstrukt. Er ist robust, anpassungsfähig und für Bewegung gemacht.
Die osteopathische Perspektive
In der osteopathischen Arbeit wird Rückenschmerz nie auf eine einzelne Struktur reduziert. Stattdessen wird gefragt:
- Wie verteilt sich die Spannung im Körper?
- Wo hält der Rücken unnötig fest?
- Welche Bereiche kompensieren?
- Wie reagiert das Nervensystem auf Bewegung und Berührung?
Ziel ist es, die Selbstregulation des Körpers zu unterstützen – nicht, eine Bandscheibe „zu reparieren“.
Fazit
Rückenschmerzen sind häufig – Bandscheibenprobleme dagegen deutlich seltener als oft angenommen. In den meisten Fällen sind es funktionelle, spannungsbedingte oder neuronale Faktoren, die Beschwerden verursachen.
Wer versteht, dass ein schmerzender Rücken nicht automatisch „kaputt“ ist, kann wieder mehr Vertrauen in Bewegung entwickeln – und genau das ist oft der erste Schritt zur Besserung.
© Felix Kammerlander / Praxis Angewandte Osteopathie
Der Autor

Felix Kammerlander hat Osteopathie studiert und betreibt seit acht Jahren die Praxis Angewandte Osteopathie in Marxheim. Ab sofort erscheint hier regelmäßig seine Kolumne „Gesund mit Felix” mit Gesundheitsinformationen und präventiven Tipps - eine verlässliche Anlaufstelle für Ratschläge zur Vorbeugung, Schmerzbewältigung und für einen ausbalancierten Körper. Viel Freude beim Lesen und Ausprobieren neuer Wege zu mehr Wohlbefinden!

