Neuer Anlauf bei den Römerwiesen: Der 100-Euro-Schachzug des Hofheimer Magistrats

Neuer Anlauf bei den Römerwiesen: Der 100-Euro-Schachzug des Hofheimer Magistrats
Wohnungen für 3000 Menschen zwischen Landratsamt und Weilbach: So stellen sich die Planer das Baugebiet „Römerwiesen“ vor.

Das Baugebiet Marxheim II – später klangvoller in „Römerwiesen“ umbenannt – ist offenbar keineswegs aus der Planung verschwunden. Hofheims Magistrat unternimmt jetzt einen neuen Anlauf: Er will den Grundstückseigentümern ein neues Angebot machen. Aus einem noch unveröffentlichten Rathausschreiben geht hervor, dass die Stadt die Flächen erwerben will – allerdings zu einem Preis, der deutlich unter dem jüngst ermittelten Bodenwert liegt. Ist das eine kluge Verhandlungsstrategie – oder ist das einfach nur dreist?

Nicht jeder kennt die Vorgeschichte, deshalb blättern wir kurz zurück: Vor ungefähr zehn Jahren entstand die Idee, dass Hofheim wachsen und neue Wohngebiete ausweisen müsse – die Geburtsstunde von Marxheim II. Auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen zwischen dem Landratsamt und Weilbach sollten rund 1.400 Wohnungen entstehen – für mehr als 3.000 Menschen.

Der Plan der Stadt war denkbar einfach: Die Verwaltung kauft das Areal auf, entwickelt ein Wohngebiet und verkauft die baureifen Parzellen gewinnbringend weiter. Der Erlös, so die Hoffnung, würde die immensen Kosten für Straßen, Kanäle und Leitungen locker decken – und im besten Fall noch einen netten Überschuss in die Stadtkasse spülen.

In der Praxis kam das Projekt schnell ins Stottern. Eine Bürgerinformation geriet zum Flop. Besorgte Nachbarn gründeten eine Bürgerinitiative. Die damalige Rathausspitze um Bürgermeister Christian Vogt (CDU) und den Ersten Stadtrat Wolfgang Exner ließ zwar eine Machbarkeitsstudie erstellen, hielt deren Ergebnisse jedoch unter Verschluss – erst eine Klage der Linken-Fraktion zwang den Magistrat zur Offenlegung. Zur Lösung aller Verkehrsfragen wurde kurzerhand eine Unterführung unter der Bahnlinie angekündigt – Kosten spielten damals scheinbar keine Rolle.

Das eigentliche Problem war jedoch ein anderes: Die Eigentümer wollten nicht verkaufen. Um den Druck zu erhöhen, brachte der Magistrat für viel Geld eine Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme (SEM) auf den Weg. Die Botschaft an die Grundstücksbesitzer war unmissverständlich: Wer sich verweigert, dem droht am Ende die Enteignung.

Im Rahmen dieses Verfahrens musste ein sogenannter „entwicklungsunbeeinflusster Bodenwert“ ermittelt werden – ein Stichtagswert, der Spekulationsaufschläge ausschließen soll. Gewählt wurde der Stand des Jahres 2019, als das Areal lediglich Bauerwartungsland war.

Mitte dieses Jahres wurde das Ergebnis präsentiert: Der Gutachter taxierte den Wert für die geplanten Wohnbauflächen auf rund 210 Euro pro Quadratmeter. Das ist zwar deutlich mehr als der reine Agrarlandwert, liegt jedoch weit unter den sonst üblichen Preisen für Bauland in Hofheim.

Damit wurde ein ganz anderes Problem deutlich: Der voraussichtliche Erlös aus dem Verkauf der erschlossenen Grundstücke würde niemals ausreichen, um die hohen Erschließungs- und Folgekosten zu decken. Hinzu kommt die angespannte Haushaltslage der Stadt Hofheim, die keinerlei finanzielle Spielräume für eine langwierige Zwischenfinanzierung lässt.

Damit erwies sich das Großprojekt in seiner ursprünglichen Form als unrentabel. Marxheim II oder Römerwiesen – das war’s eigentlich. Man kam überein, dass sich der Magistrat vorerst auf die Entwicklung von Teilflächen konzentrieren solle – was allerdings voraussetzt, dass die jeweiligen Eigentümer verhandlungs- und verkaufsbereit sind.

Römerwiesen: Stadtverordnete werden nächste Woche eingeweiht

Genau dieser nächste Schritt steht nun an. Die Verwaltung unter Bürgermeister Wilhelm Schultze plant offenbar einen neuen Anlauf, nachzulesen in einem bisher unveröffentlichten Magistratspapier (Vorlage-Nr. STV2026/173).

Auf anderthalb DIN-A4-Seiten räumt die Verwaltung ein, was im Juli noch für Entsetzen im Bauausschuss gesorgt hatte: Der Gutachterwert lasse „eine vollständige Refinanzierung der gebietsbedingten Entwicklungs- und Folgekosten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht zu“. Damit, so schreibt die Stadt, sei einer Städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme die rechtliche Grundlage entzogen.

Das Drohmittel einer Enteignung ist somit vom Tisch. Die Alternative, die der Magistrat den Stadtverordneten nun vorlegt, klingt allerdings überraschend: Im Rahmen eines „freiwillig vereinbarten Umlegungsverfahrens“ soll den Eigentümern lediglich die Hälfte des Gutachterwertes angeboten werden – exakt 100 Euro pro Quadratmeter.

Wie die Verwaltung die Eigentümer auf dieser Basis zur Mitwirkung bewegen möchte, bleibt völlig offen. Schließlich liegt das Angebot eklatant unter dem offiziellen Wertgutachten.

Nächste Woche, am Dienstag, 27. Oktober, soll die Vorlage erstmals im Ausschuss für Planen, Bauen und Verkehr beraten werden. „Die Ortsbeiräte Hofheim-Kernstadt und Marxheim sind ebenfalls zum Ausschuss für Planen, Bauen und Verkehr eingeladen“, heißt es in dem Magistratspapier. Es wird offenbar mit reichlich Zuhörern gerechnet: Die Sitzung findet im Großen Saal der Stadthalle statt. Beginn ist um 18:00 Uhr.

Anschließend wird die Angelegenheit erneut dem Stadtparlament vorgelegt. Die Stadtverordneten sollen den Magistrat ermächtigen, die Konditionen mit den Eigentümern zu „erörtern“ und deren Reaktionen zu dokumentieren.

Danach wird sich zeigen, wie viele Grundbesitzer bereit sind, auf das 100-Euro-Angebot einzugehen – oder ob das Megaprojekt „Römerwiesen“ damit endgültig auf dem Friedhof der Hofheimer Planungsträume landet.

TR

Ein Gedanke zu “Neuer Anlauf bei den Römerwiesen: Der 100-Euro-Schachzug des Hofheimer Magistrats”

  1. Sobald den Bürgern für die Enteignung ihrer Grundstücke auf der Römerwiese zugunsten des Allgemeinwohls GG §14 ersatzweise 100€/m2 angeboten werden, könnte dies eine Einladung für Grossinvestoren werden. Ob diese dann 3000 Wohnungen bauen oder lieber Gigahallen wissen wir noch nicht.
    Hoffentlich treten die Verantwortlichen im Magistrat mit dem gleichen Elan wie bei den Grundstückshaltern der „Römerwiesen“ auch beim Herrn Landrat Cyriax, beim Herrn Ministerpräsidenten Rhein usw. auf, um für eine verlängerte Konsolidierungsphase des Hofheimer Haushaltes bis 2035 zu werben, damit sich die Überforderung in Grenzen hält.

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